WDR-Fernsehen am 24.04.2005
"Westpol"

 

Die Zahl minderjähriger Mütter nimmt zu und dieses Thema gewinnt an öffentlichem Interesse. Die Redaktion der WDR-Fernsehsendung "Westpol" recherchierte zu dem Thema und fragte in Schulen nach, ob sie von der Politik mit dieser Problematik allein gelassen werden.

Unser Beratungskonzept im Rahmen der "Gesunden Schule" und unser Pilotprojekt "Babybedenkzeit" mit unseren Schulsozialpädagogen Frau Schäfer Gerhards und Herrn Pfeil machten neugierig und wurden in der WDR Sendung "Westpol" am Sonntag, den 24.04.2005 vorgestellt. Als vorbildlich wurde in der Sendung erwähnt, dass die Anton-Schwarz-Schule neue Wege geht.

Minderjährige Mütter
Autorin: Martina Koch
Fotos: Anton-Schwarz-Schule (Die Fotos auf dieser Seite wurden nachträglich in dieses Manuskript des WDR-Fernsehens eingefügt)

Manuskript der WDR-Fernsehsendung vom 24.4.2005

Annika war 15, als sie schwanger wurde. Sie brach die Hauptschule ab. Mit Glück kam sie bei "Teen und Baby", einem Mutter-Kind Haus der katholischen Kirche in Essen unter. Hier wird ihr Baby betreut, damit sie das Berufskolleg besuchen kann und im Sommer einen Schulabschluss bekommt. Ihre Zukunft - noch völlig ungewiss.

O-Ton: Annika
"Ich fang ja jetzt erst meine Ausbildung an. Ist schon spät. Andere werden schon fertig."

Annika hatte nicht verhütet, weil sie zu wenig darüber wusste. Damit ist sie nicht allein. Biologie-Unterricht in Klasse 7 an der Anton-Schwarz Hauptschule in Monheim. Über Sexualität spricht es sich in der großen Klasse schwerer als über Alkohol. Die Lehrerin ist gehemmt, die Schüler auch.

O-Ton: Schülerin
"Die versuchen, uns was zu erklären, und sehr viele lachen dann auch drüber und nehmen das nicht ernst. Das ist doof."


Das WDR-Team in der Klasse 7a von Frau Kersting

Sechs 15jährige wurden an der Anton-Schwarz Schule in den letzten Jahren Mütter. Das entspricht dem landesweiten Trend. Die Schulleiterin fühlt sich von der Politik alleingelassen mit diesem Problem.

O-Ton: Ruth Küpperbusch-Jones, Schulleiterin
"Die Schule muss also heute Aufgaben übernehmen, die eigentlich nicht für sie gedacht sind, wie zum Beispiel weit gehende Aufklärung. Das ist alles im Biologieunterricht integriert. Aber das reicht nicht."

Fragen an die Schulleiterin

Die Folge: Immer mehr minderjährige Mütter. Damit hätte auch das Schulministerium rechnen müssen. Dort will man die Verantwortung für den Trend jedoch nicht allein auf sich nehmen.

O-Ton: Ute Schäfer, SPD, Schulministerin, NRW
"Aufklärung ist natürlich in erster Linie eine Angelegenheit des Elternhauses. Das möchte ich noch mal ausdrücklich betonen. Schulen haben aber alle den verbindlichen Auftrag, auch im Lehrplan diesen Bereich mit aufzugreifen. Und nach meinem Kenntnisstand tun die Schulen das verantwortlich. Aber vielleicht sollte man tatsächlich die jetzt aktuellen Zahlen zum Anlass nehmen, hier noch mal in die Schulen ein Signal zu geben über diese Entwicklung. Sie hat mich zugegebener Maßen auch ein bisschen überrascht."

Professor Gerhard Glück von der Uni Köln kann das nicht verstehen. Er hat schon vor Jahren gewarnt: Weder Schule noch Elternhaus könnten Sexualerziehung richtig leisten. Doch das Schulministerium zeigte kein Interesse an seinem Konzept:

O-Ton: Gerhard Glück, Pädagogikprofessor Universität Köln
"Ausgebildete Sexualpädagogen sollten den Unterricht machen. Und zwar eigentlich keinen Unterricht, sondern eine AG. Außerhalb der Schule mit freiwilligen Gruppen."

Nicht nur für den Wissenschaftler, sondern auch für die CDU ist klar: Um die Mädchen zu schützen, müssen neue Wege eingeschlagen werden.

O-Ton: Regine van Dinther, CDU Frauenpol. Sprecherin Landtagsfraktion
"Man kann jedenfalls wesentlich mehr machen, als jetzt passiert. Und es wird ja vom Land aus nicht kontrolliert, ob die Schulen, das, was in den Richtlinien steht, tatsächlich auch machen. Das liegt wirklich auch am Engagement der Lehrerinnen und Lehrer."

An der Anton-Schwarz-Schule in Monheim gehen sie längst andere Wege. Jungen und Mädchen werden getrennt zur Sexualberatung außerhalb der Schule geschickt. Und erstmals in diesem Frühjahr wurde das Projekt Baby-Bedenkzeit getestet. Schülerinnen - für 24 Stunden Mutter. Die Idee stammt aus Amerika, das Geld kommt von der Bundesregierung. Stefanies Mutter-Einsatz wird ausgewertet. Sie ist überrascht, dass sie ihre Babypuppe zu wenig gefüttert hat. So schwer hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt.


Stefanie mit dem Baby im Gespräch mit Frau Schäfer-Gerhards und dem Kameramann

O-Töne:
Jugendarbeiterin:"Neunmal Füttern hast du vergessen. Kannst du dir denn vorstellen, jetzt ein Baby zu haben?"
Mädchen: "Nee, ich wart mal noch 10 Jahre."


Frau Schäfer-Gerhards im Gespräch mit Frau Koch vom WDR

Das Baby-Puppen-Projekt scheint durchaus eine Möglichkeit zu sein, Mädchen vor einer zu frühen Schwangerschaft zu schützen. Den minderjährigen Müttern in Essen hatte niemand klar gemacht, was es bedeutet, für ein Kind zu sorgen.

O-Ton: Annika
"Man wird zwar aufgeklärt, aber nicht richtig."

Und die Folgen sind schwerwiegend. Für minderjährige Mütter wie Annika, aber auch für die Zukunft ihrer Kinder. Bessere Aufklärung ist nötig. Die wird aber nicht gelingen, wenn das zuständige Ministerium Eltern und Schulen allein lässt.

Anton-Schwarz-Schule in Monheim am Rhein. Impressum und rechtliche Hinweise